Ich will mit der Bahn nach raus aus Marburg, aber ich schaffe es nur bis zur Bahnhofstreppe als mir ein paar angeheiterte Obdachlose auf den Treppenstufen auffallen, von denen mich einer um eine Zigarette bittet. Aber ohne bitte, dafür mit gefälligst! Ich geb ihm eine, weil ich hab Angst vor ihm. Oder viel mehr geb ich ihm die Schachtel, auf dass er sich eine rausholen möge. Das ist der Fehler, denn nun hat er die Schachtel in der Hand und ich muss zuhören. Er fängt an mich anzupflaumen:

„Dieses Drecks Marburg… es gibt’s nur eins das noch schlimmer ist als Marburg und das ist Marburg im Winter! Die ganze Stadt taucht ab unter einer Nebelglocke, immer dunkel, immer zieht’s überall. Wenn man sich Hessen als Hintern vorstellt, und, der Vergleich scheint nicht allzu weit hergeholt, dann ist Marburg das Arschloch! Und die Marburger sind die Klabusterbeeren in Jack-Wolfskin-Jacken. Alle sehen gleich aus, Konformitäts-Trottel! Und in dieser Stadt entschuldigen sich sogar die Leute, die ich anrempele. Der nächste der hier in einer Jack-Wolfskin-Jacke daher kommt, der kriegt meinen Fuß zu spüren!“

Er fährt sein Bein aus und tatsächlich dauert es nur ein paar Sekunden bis ein Student in schwarzgrüner Wolfskin-Jacke über das ausgestreckte Bein stolpert… es macht RATSCH als er mit seinem Klettverschluss am Stehaschenbecher hängen bleibt, trotzdem murmelt er „Sorry, Alter“ und schlurft in den Bahnhof. Ich beschließe mir noch ein bisschen mehr anzuhören, vielleicht wird’s ja noch interessant. Außerdem hat er immer noch meine Zigarettenschachtel.

„…Und am schlimmsten sind die Marburger Frauen! Die, die auf diese ganzen unrasierten Pseudostudentenschnösel reinfallen, wenn man ein bisschen Gitarre spielen kann, dann hat man schon ganz gute Chancen. Dann noch n schwuchteliges kariertes Hemd anziehen. Die ganzen kleinen Studentinnen aber, gerade aus der heimischen Gebärmutterathmosphäre raus, die fragen sich dann warum sie von vorn und hinten beschissen werden, nur um dann doch wieder im Wochenendrhythmus auf einen Gitarristen reinzufallen und dann nachts in ihr Kopfkissen schluchzen.

Ich fasse mir unweigerlich an den Vieltagebart „Aber das schöne an diesen Studentenstädten ist ja, das auch Typen wie ich hübsche Frauen abkriegen Jetzt mal völlig unabhängig davon, dass ich vor einem Monat mit dem Gitarre spielen angefangen hab.“

Er hört mich nicht, saugt gierig an seiner (an meiner!) Zigarette und labert weiter:

„…Sogar der Bouffier hat mittlerweile verstanden, dass man hier endlich was tun muss und siedelt hier jetzt Sexualstraftäter an Hab ich glaub ich im Spiegel gelesen, oder in der Bild…?“

„Is ja das gleiche“, sag ich…

„Aber nicht mal die halten es hier aus! Der eine überlebt zwanzig Jahre Sicherheitsverwahrung, aber nach einem Monat Marburg: Tot. Tot aufgefunden in der Wohnung am Stadtwald.“

Meine Überlegungen kreisen wieder um meine Zigarettenschachtel, nach der ich die Hand ausstrecke. Ziehe sie aber schnell zurück, denn ich muss einem Mädchen in Jack-Wolfskin-Jacke ausweichen, dass gerade zwischen uns hindurchstolpert und beinahe mit dem Gesicht in die Bahnhofstür knallt. „Oh ups, Sorry“.

Ich hab die Zigarettenschachtel aber noch nicht aufgegeben, denn sie ist fast voll – und ich bin Schwabe.

„Oder die Marburger Gesprächsthemen, man kann sich hier auch mit niemandem mehr unterhalten. Man hat das Gefühl, ohne Spiegelreflexkamera ist man ein Untermensch. Erwin hier (er deutet auf den Obdachlosen neben sich) redet nicht mehr mit mir, weil ich keine Spiegelreflexkamera habe, stimmt’s Erwin?“

Keine Reaktion von Erwin.

„Siehste! Und ich möchte nicht mehr darauf antworten ob ich „Two and a half men“ mag oder „How I met your mother“ toll finde, it’s gonne be legen …wait for it… fickt euch! Und wie oft musste ich mir schon Work-and-Travel-Kackstories anhören… sicheres Zeichen immer:

Wenn bei nem schrägen Pony der Krokodilszahn um den Hals baumelt: lieber nich nach ner Zigarette fragen, sonst drückt er dir gleich ein Gespräch rein. Hat man den Fehler doch gemacht, dann muss man einfach fragen, was er denn außer Zahnstein, dem ersten Auslandsfick und diesem Kack-Krokodilszahn noch so aus Australien mitgebracht hat.

Und in jedem Satz kommt drei Mal „jetzt mal ganz ehrlich“ oder „das Ding is…“ und besonders fünf Mal „von daher“ vor und alle kaufen sich Assesoires, aber es sind AKSessoires, graphemische Doppelkonsonanten werden im Französischen wie ein PHONEM GESPROCHEN!!! Und man kann nicht sagen, „von daher ist das so, oder: Noch nichtssagender: am Ende eines Satzes…; Man kann sagen „aus welcher Richtung kam das Studentenarschloch, dem ich ne Kippe abgezogen habe. Und Erwin hier könnte antworten, „von da her!!“

Wir schauen beide zu Erwin, aber keine Reaktion von Erwin. Lebt er noch? Jemand sollte ihm eine Zigarette anbieten. Aber ich kann ja nich, stattdessen sag ich vorsichtig zu meinem, offensichtlich ein Germanistikstudium abgebrochenem Gegenüber:

„Äh… das Ding is, Karl Theodor zu Guttenberg sagt anstatt ‚von daher’ immer, ’vor diesem Hintergrund’,“ aber ich ernte nur einen bösen Blick.

„Außerdem haben Gefühlte achtzig Prozent der Leute hier Spiegel- online als Startseite. Was finden die Marburger nur an dieser Blut -und Sperma Presse? Und dann rennen sie ins Kino zu Drei-Penis-Pferde mit Till Schweiger und der Berliner Rotzgöre! Überhaupt ist Till Schweiger für den Niedergang der deutschen Kinoszene verantwortlich, Till Schweiger und Matthias Schweighöfer! Macht’s endlich war und „Haltet die Fresse!!“

Und dumm sind die Marburger auch noch! Neulich in der Bahnhofsmission haben wir Spieleabend gemacht. Ich bin es Leid bei „Was bin ich“ erklären zu müssen, wer Josef Ackermann ist!! Oder bei „Tabu“ hab ich neulich gefragt, „was ist mächtiger als das Schwert??“, „was ist mächtiger als das Schwert??“ Antwort: „Pistole..??“

Neuer Plan: Ich frage ihn nach einer Zigarette. Keine Reaktion. Stattdessen:

„Und dann dieses ganze religiöse Pack hier, ganz besonders schlimm: die Muselmaaaanen, letzten Freitag bin ich mit meinem Einkaufswagen die Ketzerbach runtergelaufen und da wurde ich fast von ner Horde muslimischer Männer auf dem Weg zum Freitagsgebet über den Haufen gerannt! Für mich ist hier jede Woche ORIENTierungswoche.

Nur gut, dass wir hier ein christlich-fundamentalistisches Gegengewicht haben. Den Christus Treff. Die sagen, Kondome seien nun okay, außer beim Koitus mit Schafen, da raten sie weiter zu Schafsdarm.

Aber das bringt mich zum schlimmsten, zum allerallerschlimmsten!!“

Ich denke, „Burschenschafter? Studentenwerksangestellte? Will ich überhaupt meine Schachtel zurück?“

Sein Blick verfinstert sich, er macht eine bedeutungsschwere Pause, atmet ein. Sogar Erwin schaut jetzt auf…

„Hochschulpolitische Gruppen! Neulich war ich auf nem Juso-Treffen, Häppchen abstauben …da bleibt ja immer so viel übrig…  und da waren sogar fünf Sozen und da hab ich einfach mal reingebrüllt, Was macht ihr denn hier, müsst ihr nicht am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen? Oder der RCDS! Ali hier drüben (er deutet auf einen Obdachlosen ganz am Rand der Treppe), der hat mal Islamwissenschaft studiert. Der hat mir erzählt so’n RCDS-Typ hat sich vor ein paar Jahren für einen dieser XY-Asta-Posten aufstellen lassen und hat dann am Tag der Wahl seine Schergen in die Islamwissenschaftsvorlesungen geschickt à la eyyy kennt ihr den Thomas? Der studiert auch Islamwissenschaft, den müsst ihr heute unbedingt wählen!“ … Das ist ja wie: In der Kunst-Akademie Werbung für die NPD machen. Schließlich gab’s da ja mal einen berühmten aber erfolglosen Maler!!“

Wie aufs Stichwort muss sich Erwin übergeben, und mein Gegenüber ist kurzzeitig abgelenkt. Ich nutze die Chance, stibitze ihm meine Zigarettenschachtel und will weg. Noch bevor ich „Sorry, mein Fehler“ sagen kann, aber schon nachdem ich über das noch immer ausgestreckte Bein stolpere, nehme ich mir vor, ab sofort auch mal ein Bein stehen zu lassen. Aber eine Jack-Wolfskin-Jacke? Kauf ich mir lieber nicht.

Die Toleranz der Anderen

Oktober 12, 2009

Ich kannte ein fabelhaftes junges Mädchen, dessen Gesicht in seiner Perfektion auf magische Weise nicht mal von mehreren Nasenhaaren getrübt werden konnte, die sich schwungvoll aus ihren großen Nasenlöchern wanden, aus denen sie zudem Unmengen von Zigarettenrauch stoßen konnte und manchmal, wenn der Wind auffrischte hörte ich die Guten leise rascheln. Einmal sprach ich sie darauf an und sie war daraufhin verstimmt, frug ob ich sie ungepflegt fände. Sie war mir wichtig und es war mir nicht wichtig und so log ich, dabei hätten jene Nasenhaare Albrecht Dürer zu einem ganz hervorragenden Stich inspiriert. Nach dem Aufrauchen einer Tabakpackung gab sie sich gerne gesund und kochte Bio und Öko für ihre Bio und Öko WG. Es war Lasagne und ich half ihr und rührte munter mit dem nachhaltig angebauten langen Löffel. Hier ein Topf mit fleischhaltigem, dort der grüne. Ich übersah den anderen Löffel und ging mit meinem vom einen in den anderen Topf. Es war unser letzter gemeinsamer Tag.

Zum einen der Umstand gestern um ein Mösenhaar siebenjähriges gefeiert zu haben. Und eben doch nicht, weil sie ja in mir abgestorben ist. Aus dem Tanzpuff geschlendert und an meinen ersten Besuch des Dorts gedacht – mit ihr. Zu allem Überdruss eben beim Umziehen noch Bilder aus einer anderen Welt und fast einem anderen Jahrtausend zwischen die Finger bekommen, erstaunlich emotionslos, abhakend.

Ich bin jeden Tag aufs neue überrascht wie gut es mir geht. Wo ist der Haken???

follow me, leader

April 18, 2008

Wie immer am Ende des zweiten Monats lackieren sie den Überdruss nichtrot. Das Gewissen jauchzt juchee, endlich tanzen sie auf dem Kompensationsbeziehungsball Pas-de-quatre. Wie in Polanskis „Tanz der Vampire“ sehen sie sich im Spiegelsaalspiegel, da sind nicht alle Mittanzenden tot, sie tanzen zu dritt – erstaunlicherweise nicht zu viert, er dekompensiert kondensierend. Tastet halbherzig nach Lymphknoten, doch die wachsen wohl erst am Ende des zweiten Monats. Oder glaubt, die zuletzt ausgeschissen zu haben, noch nicht sicher, er wird das weiter beobachten und uns dann Bericht erstatten.

Jedenfalls tritt er ihr dauernd auf die Füße, ist er es eben gewohnt, in vorigen Tänzen stets geführt zu haben.

in my face

April 18, 2008

Der Pilot beschloss auf einer Brücke zu landen, die starkbehaarte Stewardess fuchtelte links und rechts und oben ohne mit der einen Augenbraue zu zucken.

Die schwarz und gelb gestreifte Schwimmwespe war gerade dabei in meinen Tomatensaft zu tauchen, zauderte und stach, wurde mit einer Tüte beruhigt. Dort schwebte sie und atmete sich selbst, bis uns der Fußboden über die Ohren gezogen wurde.

Die Nacht spritzt mir ins verquollene Gesicht, als ich in der Sabberpfütze meines Nackenhörnchens aufwache.

Sitzte jetzt hier und befühle die Tasten v, g, h, b und n. Dä.

Circle of life

März 31, 2008

Wer kann sagen, er habe das Leben verstanden, wenn er nicht wenigstens ein Mal essend auf der Toilette gesessen ist.

Was, wenn ich an einem lauen Sommerabend mit Dir in der Oper sein darf und danach, in der Dämmerung gerade auf den Stufen vor der Oper, dich küsse – und dann ganz einfach verpuffe?

You oughta know

März 29, 2008

Der Samstagabendbrennpunkt der anderen flimmert, vor meinen Augen flimmerst unaufhörlich Du. Zum Frühstück kaufen sie sich Mammon. Kopfschüttelnd nicke ich, applaudiere mit den Augenlidern. Ich gebe den Beifahrersitz auf – genug von materiellen Seitenblicken. Guck mal, der neue RS. Ich flüchte vor dem Erguss auf die Rückbank. I scratch my nails down someone elses backseat, I hope you feel it. Well, can you feel it?

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